Der Besuch der Königin

Gerda Specht wohnt schon eine geraume Weile im Jeanettestift der Kanzler von Pfau’schen Stiftung. Die 97-jährige fühlt sich in dem Pflegeheim wohl, nur eines vermisst sie seit Jahren: Ihre geliebte Marienkirche! Jahrelang besuchte sie die Mittelalter-Kirche in der Bernburger Talstadt und spendete regelmäßig für die „Neue Orgel für Marien“ und deren gleichnamigen Förderverein. Als die Röver-Orgel, von der es nur noch zwei gleicher Größenordnung in Quedlinburg und in Moskau gibt, am 11. Oktober 2020 feierlich in Dienst genommen werden konnte, war Frau Specht längst im Jeanettestift.

Sie kannte nur die kleine einmanualige Kapischke-Orgel, die seit 1995 in der Kirche erklang. Doch las sie von der großen Spendenbereitschaft, der Restaurierung und Ergänzung fehlender Teile durch eine baugleiche Röver-Orgel aus der Stadtkirche Alsleben und dass man die neue Orgel sogar begehen kann. Das begeisterte sie so sehr, wie es sie auch traurig stimmte, denn ihr war der Besuch einfach nicht möglich.

Dachte sie, denn erzählt hat sie von ihrem Herzenswunsch niemandem. Bis sie eines Tages, Anfang April 2022, Besuch bekam von Jenny Budig, einer geschulten Gesprächsbegleiterin und als Beraterin zur gesundheitlichen Versorgungsplanung für die letzte Lebensphase in den Pflegeheimen der Stiftung unterwegs. Und Jenny und Gerda, das kann man hier durchaus mal so schreiben, haben gleich einen Draht zueinander gefunden - ihr erzählte Frau Specht von ihrem sehnlichsten Wunsch, fragte aber trotzdem nur nach einer CD mit Musik der Röver-Orgel aus der Marienkirche. Frau Budig informierte die Pflegedienstleiterin des Hauses, Iris Pfeifer, die sich deshalb mit dem Pfarrer der Talstadtgemeinde, Johannes Lewek in Verbindung setzte. Dieser erzählte ihr, dass eine CD zwar angedacht sei, aber eben noch nicht vorliege. Doch könne er der alten Dame gern ein Privatkonzert geben, die Zeit würde er sich nehmen wollen…

Als Gerda Specht am 23. April dieses Jahres ihren 97. Geburtstag im Jeanettestift feiern wollte, bekam sie zunächst mitgeteilt, dass sich die Andacht heute verschieben, der Begleitende Dienst sie aber 9.30 Uhr abholen würde, weil eine kleine Überraschung auf sie warte. Nun war Gerda Specht nicht so schnell zu verblüffen, denn zum Geburtstag kann man ja durchaus damit rechnen überrascht zu werden. Auch als sich im Kleinbus noch zwei Mitarbeiterinnen zu ihr und der Pflegedienstleiterin gesellten und es hieß, man unternehme eine Fahrt ins Blaue, ahnte sie nichts und erkundigte sich nur gelegentlich, wohin es denn genau gehe? Als der Bus dann aber vor der Marienkirche hielt, kullerten schon die ersten Tränen. Pfarrer Lewek hatte sich ausgiebig auf den Besuch der alten Dame vorbereitet und wusste viel über die einzigartige Orgel zu erzählen, die mit einer pneumatischen Kastenlade ausgestattet ist, einer revolutionären Eigenentwicklung Ernst Rövers. Gemeinsam mit dem Pfarrer schauten sich die Besucherinnen das beeindruckende Instrument genauer an, denn eine weitere Besonderheit dieser Orgel ist ihre Begehbarkeit!

Die Krönung dieses Vormittags war aber der Moment, als Pfarrer Lewek begann, für Frau Specht auf der Orgel zu spielen. Die Freude und genauso ihre Rührung standen ihr ins Gesicht geschrieben, wie ihre Begleiterinnen diesen Augenblick später beschrieben. Andächtig lauschte Gerda Specht zunächst einigen leichten Orgelstücken. Im Anschluss bekam sie sogar Ausschnitte aus Werken von Johann Sebastian Bach dargeboten. Und das alles nur für sie! - Nicht ganz, denn die Mitarbeiterinnen ahnten schon, dass sie mit dieser Überraschung eine große Freude bei der alten Dame auslösen würden, aber als sie schließlich selbst dabei waren und die Ergriffenheit von Frau Specht fast spüren konnten, wurde diese Orgel-Stunde am Ende für jede von ihnen zu einem unvergesslichen Erlebnis. Und so erzählen alle, zugegeben, Gerda Specht natürlich am meisten, noch heute von diesem einzigartigen Ereignis: Dem Besuch bei der Königin der Instrumente in der Bernburger Talstadt.

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